Eckdaten:

Name:                          Johannes Hohl

geboren:                     26.12.1998 in Dresden
Wohnort:                   Dresden
Verein:                         BPRSV e.V. Cottbus / DSC 1898
Klassifizierung:     T20 (Intellectual Disability)
Trainer:                       Erik Haß
Sportart:                     Leichtathletik
Disziplin:                    400 Meter
Ziele:                             Teilnahme Paralympics Paris 2024;
                                          


Wie alles begann

Ohne dass ich es ahnen konnte, wo es mal hinführen wird, begann meine Leidenschaft zum Laufen durch die Teilnahme an den Dresdner Citylaufen und aus Spaß an den offenen Dresdner Crossmeisterschaften in der Dresdner Heide. 
 Unbekümmert und unerfahren wie ich war, bin ich einfach mitgelaufen, so schnell wie mich meine Füße tragen konnten. Dabei hatte ich nicht bedacht, dass das Ziel nicht gleich hinter der ersten Kurve war. Trotzdem belegte ich beim Cross mit Stolz den 4. Platz, und das ohne Spikes.

An den jährlichen Cityläufen nahmen wir gemeinsam als Schule teil, auch meine ältere Schwester, die durch mich Gefallen am Laufen fand. Der Grund war aber nicht der Lauf als solches, sondern eine Spenden- Sponsorenaktion, organisiert über den Förderverein der Schule. Alle teilnehmenden Läufer-Innen der Schule versuchten für sich einen oder mehrere Sponsoren zu gewinnen. Gerannt sind wir immer den 3,3 km Schüler Cup oder die 5 km. Mit den Sponsorengeldern wurde ein vorher festgelegtes Projekt für die Schule finanziert. Als ich dann im Punktspielbetrieb beim Fußball war, konnte ich die letzten Jahre leider nicht mehr teilnehmen. Meinen Platz haben meine beiden Schwestern Lisa-Marie und Lea-Sophie weiter ehrenvoll vertreten.

Offene Dresdner Crossmeisterschaften 2007 oder 2008

Dresdner Citylauf 2007 oder 2008

Citylauf

Einmal jährlich fand im Rahmen der Bewegung "Jugend trainiert für Olympia & Paralympics" das Regionalfinale im Dresdner Stadion an der Bodenbacher Straße statt. Im 3 Kampf wurden die Sieger ermittelt - 100m, Weitsprung und Kugelstoßen waren die Disziplinen. Die Addition der Plätze (Platzziffer) ergab den Sieger im 3 Kampf. Mit den 100m und dem Weitsprung hatte ich keine Probleme, aber das Kugelstoßen machte mir zu schaffen. Die Bilder belegen es, ich habe einmal gewonnen und einmal den 2. Platz erreicht. Im Anschluss zum 3 Kampf gab es das Staffelrennen für die teilnehmenden Schulen über 4 x 100m in einer gemischten Staffeln. Hierbei haben wir 2 x gewonnen.
 

Siegerehrung Rigionalfinale 2015 , 1. Platz

Regionalfinale 2015

Staffelsiegerehrung 2015, Staffelrennen 1.Platz

Staffelsiegerehrung 2015 Pokal gewonnen

Siegerehrung 2016, Platz 2




2016 meinte mein Vater zu mir, ich könnte doch neben dem Fußballtraining mal zur Leichtathletik gehen. „Hm, was soll ich da..?“ dachte ich mir so. Aber ich ließ mich "überreden" und ging mittwochs aller 2 Wochen zum DSC in die Trainingsgruppe von Falk Röber. Falk, so kann man sagen, ist und war mein 1. Trainer in der Leichtathletik. Nur was erreicht man mit einer Trainingseinheit aller 2 Wochen  - nicht viel. Falk hat die Hände über den Kopf zusammengeschlagen und mir Sehnen- und Muskelabrisse prophezeit. Meine Muskeln und Sehnen sollten einfach länger sein. Mit den Fingerspitzen komme ich gerade so runter. Das ich Fußball spiele, hat jeder gesehen, sobald ich in der DSC Halle gelaufen bin. Regelmäßig den Kopf nach unten, obwohl ich keinen Ball schützen oder behaupten musste. Im Video des 400m Finallaufes der EM 2018 zwischen 100m und 200m sieht man dies noch sehr deutlich. Es ist ein langer Prozess, bis der Laufstill eines Leichtathleten wirklich verinnerlicht ist. Kaum zu glauben, was ich mir so alles merken soll für die 400m - Startblock einstellen, Beschleunigen, Tempo mit langen Schritt halten, Kopf oben halten, Blick ca. 10-12 Meter voraus usw. ... 
Aber das Training hat sich gelohnt und mit meinen ersten guten Plätzen bei den Hallenmeisterschaften in Erfurt 2017 und dann im Mai 2017 gleich mit 3 Meistertiteln über 100m, 200m und die 400m ausgezahlt. Mit meinem ersten 400m Rennen in 54,03 sec habe ich mich direkt für die Juniorenweltmeisterschaften qualifiziert, denn die Norm dafür war eine 54,32 sec. Im August 2017 wurde ich bei den Juniorenweltmeisterschaften erstmalig international für die T20 klassifiziert. T 20 = Start- oder Schadenklasse für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung (ID Intelectual Disability). Für die Prüfer ist es bestimmt nicht einfach, diese Behinderung zu erkennen. Keiner kann in den Kopf schauen und feststellen, ob tatsächlich intellektuelle Defizite vorhanden sind. Eine Behinderung durch z. B. einer fehlenden Hand ist eindeutig.
Durch ein Gespräch mit Frau Marion Peters (Bundestrainerin Para Leichtathletik) wurden wir auf den Paralympischen Stützpunkt in Cottbus aufmerksam. Über Herrn Ralf Paulo (Stützpunktleiter Cottbus) ging es dann ganz schnell. Die "Zelte" in Dresden abgebaut und in Cottbus aufgebaut. 
In Vorbereitung auf die WM trainierte ich bereits in Cottbus. Frau Chuhkrowa trainierte mich während der gesamten Sommerferien 2017.
 
Mit Beginn des Schuljahres 2017/2018 ermöglichte mir meine Schule, dass ich montags und mittwochs für jeweils 2 Trainingseinheiten nach Cottbus fahren konnte. Dienstag und Donnerstag trainierte ich in Pesterwitz auf dem Fußballplatz für die Punktspiele am Wochenende. 

In den Ergebnislisten der Wettkämpfe könnt ihr meine Fortschritte erkennen, von Jahr zu Jahr konnte ich mich steigern. Warum ich nur die 400m renne? Wir T-20iger können nur in den Disziplinen 400m, 1.500m und im Weitsprung an den Paralympischen Spielen teilnehmen bzw. nur diese 3 sind olympisch. 1.500m sind mir zu viel, deswegen die 400m, aber wenn ich könnte, würde ich lieber die 800m rennen. Die stehen gelegentlich bei den Europa- oder Weltmeisterschaften im Programm. 

Im Block Inklusion erläutere ich genauer wie mein Alltag seit meinem letzten Schuljahr 2017/2018 aussieht. Ich habe mich mit meinem Vater und in Absprache mit dem Paralympischen Stützpunkt voll und ganz auf den Sport fixiert, und das mit allen Konsequenzen. Vorab so viel, ich darf unser Land international vertreten, finanzielle Unterstützung bekomme ich aber nur über die Deutsche Sporthilfe und dem Brandenburgischen Behindertensportverband. Mein Hauptsponsor ist mein Vater und nur mein Vater. Er fährt mich mit seiner Partnerin überall hin, kauft Laufschuhe, Spikes, Trainingssachen, Nahrungsergänzungsmittel, verpflegt mich, wäscht die Wäsche, kümmert sich um alles, damit ich den Traum von der Teilnahme an den paralympischen Spielen verwirklichen kann. Für die moralische Unterstützung habe ich meine Schwester Lisa-Marie. Bei ihr kann ich fluchen und schimpfen, sie hört mir zu und hilft mir.

Durch Corona und die Verschiebung der Spiele in Tokio auf 2021 ist der Traum näher gerückt als man denkt. Die Normzeit ist mit 48,97 sec festgelegt. 2020 habe ich mich von 51,32 auf 50,03 sec verbessert, viele Chancen bekomme ich 2021 für die Normerfüllung nicht, aber ich werde alles geben. Sollte es nicht klappen, ist das Finale 2024 in Paris das nächste ganz große Ziel! Und ganz ehrlich, Tokio wäre schon eine kleine Sensation, aber nicht unmöglich. 

Um meine Träume zu erreichen, trainiere ich jetzt die ganze Woche in Cottbus und seit Sommer 2020 unter dem Trainer Christoph Noack. Durch den Paralympischen Stützpunkt wurde mir die Übernachtung im Internat ermöglicht, wodurch ich mir die fast 2-stündigen Zugfahrten von Dresden nach Cottbus und zurück, täglich sparen kann. 

2019 habe ich schweren Herzens meine Fußballschuhe sprichwörtlich an den Nagel gehängt, irgendwann stürme ich wieder, schieße Tore und laufe allen davon, aber vorerst auf der Tartanbahn.